Ein Zettel in Orange

Gestern sah ich an der Pinnwand auf Arbeit einen orangenen Zettel. Irgendwie muss der wohl schon länger da hängen – wohl so etwa seit vergangenem Herbst. Ich habe ihn mir damals im Schnelldurchlauf durchgelesen und seit dem nicht ignoriert, sondern einfach nicht mehr wahrgenommen. Auf besagtem Aushang werden Tipps zur Vorsorge und zum Umgang mit der Schweinegrippe aka Neue Grippe gegeben.

Gestern kurz vor Feierabend nahm ich nun diesen Aushang erstmals seit Monaten bewusst wahr. Seit einiger Zeit ist es ja eher ruhig um das Thema Schweinegrippe geworden. Spontan drängte sich mir die Frage auf, was wohl aus ihr geworden ist.

Man erinnere sich zurück: Die Schweinegrippe war im vergangenen Jahr zeitweilig das bestimmende Thema in den Medien.  Von extremer Ansteckungsgefahr und einer weltweiten Pandemie wurde gesprochen. Auch sollte der Erreger ungewöhnlich aggressiv sein. Sicher sollten nur diejenigen sein, die sich mit einem im Schnellverfahren entwickelten und mit diversen Nebenwirkungen verbundenen Impfstoff immunisieren ließen. Deutschland bestellte gleich mal 50.000.000 (in Worten fünfzig Millionen) Dosen des passenden Impfstoffes von GlaxoSmithKline. Jede Dosis kostet 9 Euro.

Als man im Januar 2010 auch in den Ministerien der Länder feststellte, dass sich einerseits nur ein Bruchteil der Bevölkerung überhaupt impfen lässt und andererseits das angekündigte Massensterben ausbleibt, handelte man einen Kompromiss mit GSK aus, der die Abnahme von 16 Millionen Dosen weniger beinhaltetet. Allerdings verursacht das verbleibende Volumen immer noch Kosten in Höhe von rund 283 Millionen, was noch keine Kosten für den Verwaltungsaufwand beinhaltet.

Bis zum 23.02.2010 wurden dem Robert Koch Institut insgesamt 222.360 Fälle von Schweinegrippe in Deutschland gemeldet. Die Zahl der Toten durch die Schweinegrippe lag bis zum gleichen Stichtag bei 239. Das entspricht 0,27% bzw. 0,00029% der Gesamtbevölkerung.

Ich kann mich noch gut an eine Diskussion über das Für und Wider der Schweinegrippeimpfung erinnern, die ich irgendwann im vergangen Herbst mit einem Bekannten führte. Selbiger hatte sich von seinem Arzt überzeugen lassen, dass eine Impfung dringend notwendig sei und fühlte sich nun in geradezu missionarischem Eifer dazu verpflichtet sein Umfeld davon in Kenntnis zu setzen. Sein Hauptargument lautete dabei in etwa: “Mein Arzt hat gesagt, wenn im Januar die zweite Grippewelle kommt, wird die viel schlimmer als die erste. Dann werden sich alle wundern, die sich nicht haben impfen lassen.”

Ja wo war sie denn die zweite Grippewelle? Schaut man sich den Praxisindex für akute Atemwegserkrankungen des Robert Koch Instituts an, sieht man eine leichte Zunahme der Erkrankungen zum Beginn diesen Jahres. Diese ist aber saisonal bedingt, völlig normal und zeigt eine teils deutliche Abnahme im Vergleich zu den beiden Vorjahren. Die Medien hatten ja auch, statt Grippemeldungen zu bringen, alle Hände voll zu tun, über die winterlichen Chaostage zu berichten.

Stattdessen trat Anfang des Jahres ein ganz anderes Problem auf. Die Pharmakonzerne hatten im Eifer des Grippeimpfstoffproduktionsgefechts ganz vergessen wichtige andere Impfstoffe zu produzieren. So waren im Januar insgesamt sieben wichtige Kinderimpfstoffe, unter anderem gegen Kinderlähmung, Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Hepatitis B, Masern, Mumps, Röteln und Windpocken nicht lieferbar.

Was bleibt ist das ungute Gefühl, dass das Auftreten der nächsten globale Seuche nur eine Frage der Zeit ist und die dann sowohl für Bund, Länder als auch Bürger auftretende Frage, was realistisch zu erwarten ist und was reine medial unterstützte Panikmache wiederum nicht leicht zu beantworten sein wird.

4 Kommentare

  1. Erstellt am 3. März 2010 um 14:01 | Permanent-Link

    Schwierige Geschichte. Als Laie kommt man sich da irgendwie verarscht vor. Dass sich selbst die Experten uneinig waren, beruhigt leider auch nicht wirklich. Das einzig beruhigende ist vielleicht, dass die entsprechenden “Entscheidungsträger” etwas für die Zukunft gelernt haben und in Zukunft besser agieren…wobei ich da meine Zweifel habe.

    Ich habe keine Ahnung von Impfstoffen und deren Entwicklung. Meiner Meinung nach wäre es aber von Vorteil, die Produktion+Forschung in staatliche Hände zu geben. Sobald der “Faktor Profit” der privaten Wirtschaft in so einem nicht unwichtigen Bereich zum Tragen kommt, könnte es gefährlich werden.

  2. Erstellt am 4. März 2010 um 09:55 | Permanent-Link

    Hmm…ob die staatlichen Hände hier so gut wären? Zunächst mal sind eigentlich alle staatlichen Aktivitäten quälend langsam und überreguliert. Wahrscheinlich hätten wir bis jetzt noch keinen Impfstoff gegen die Schweinegrippe bzw. die Forscher hätten noch keine Erlaubnis diesen zu entwickeln, wenn das ganze staatlich organisiert wäre.

    Andererseits hätten wir dann vllt auch gar nicht diesen Riesenhype um die Schweingrippe erlebt, wenn keine privatwirtschaftlich motivierten “Berater” hier und da die Interessen ihrer pharmazeutischen Arbeitgeber vertreten würden. ;)

  3. Erstellt am 5. März 2010 um 13:10 | Permanent-Link

    Ja die Schweinegrippe, was ist aus ihr geworden? Schwer zu sagen, vor allem wenn man nicht so richtig weiß, was die Schweinegrippe eigentlich ist oder war? Eine bedrohliche Krankheit, eine Pandemie sogar? Eine Panik? Ein gutes Mittel für ein paar Pharmalobbyisten um an Geld zu kommen?

    Interessant finde ich, dass Albert Osterhaus, der ja die Schweingrippe in den Medien präsentiert hat und die WHO zum Umgang mit der Grippe beriet, vom holländischen Parlament inzwischen seinen Status als Regierungsberater zum H1N1-Virus entzogen bekam, nachdem vermutet wurde, dass er die Krankheit aus wirtschaftlichem Eigeninteresse “groß herausgebracht” hatte.

    Und auch noch interessant, dass der Name Osterhaus in den letzten Jahren im Zusammenhang mit Pandemien immer wieder auftaucht. Z.B: ein Bericht über BSE im Spiegel aus dem Jahr 2000, die Vogelgrippe in der Süddeutschen aus dem Jahr 2005 immer wieder auftaucht. Ist wohl kein Zufall, dass er DR. Flu heißt.

  4. Erstellt am 10. März 2010 um 01:51 | Permanent-Link

    Ja, da haben wohl wieder mal ein paar Pharmafirmen mit Panikmache Millionengewinne eingefahren. Lobbyarbeit zahlt sich halt aus!

    Das nächst mal nimmt die Warnungen keiner mehr ernst, auch wenns dann wirklich mal ernst ist.

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