Hohe Tour

Wann ich das erste Mal von der Hohen Tour gehört habe weiß ich nicht mehr. Jedenfalls war mir recht schnell klar, dass ich selbige irgendwann mal fahren will. Die Hohe Tour sind eigentlich viele Touren. Gemeinsam sind ihnen mit Altenberg (bzw. Zinnwald) im Osterzgebirge der Start- und mit Schöna in der Sächsischen Schweiz der Zielort.

Hintergrund

Wenn man dem Mitteilungsblatt des SBB glauben darf, wurde die Tour als solche erstmals 1958 von Uli Vogt und Hasso Linke gefahren. In drei Tagen fuhren sie damals von Schellerhau im Erzgebirge nach Schmilka in der Sächsischen Schweiz komplett auf deutscher Seite. Die Streckenführung änderte sich im Laufe der Jahre – der Ausgangspunkt wurde meist Altenberg oder Zinnwald statt Schellerhau – der Name Hohe Tour setzte sich aber fest.

Heute wird die Strecke meist überwiegend auf der tschechischen Seite der Grenze gefahren. Hier ist der Wegverlauf weniger anstrengend und das Höhenprofil führt mehr abwärts als bergauf. Wenn ich mich nicht sehr verrechne, ergibt das immer noch eine Gesamtstrecke von etwa 50km.

Die Tour

Als mich Arne in der letzten Woche anspricht, ob wir nicht am Wochenende mal die Hohe Tour angehen wöllten, denke ich erst mal: Oha, jetzt wird’s ernst! Ich habe in diesem Winter erst einmal auf Skiern gestanden, Arne meines Wissens noch gar nicht. Einen Moment später kommt aber schon eine jetzt-oder-nie-Stimmung auf. Aus dem geplanten Sonntag wird der folgende Dienstag, also der 19.01.2010.

Zunächst stehen die Sterne nicht allzu günstig für uns. War am Sonntag noch Winterwetter bis nach Dresden hinein, fängt am Montag das große Tauen an. Mehrere tour-erfahrene Freunde raten uns dann auch vom Versuch zu fahren ab, da sie meinen in den tieferen Lagen würde nicht mehr genug Schnee liegen.

Arne hat sich nun aber schon Skier besorgt und ich habe meine gewachst und vorbereitet. Also beschließen wir trotzdem hoch zu fahren, das Wetter und den Schnee zu begutachten und im Zweifelsfall einfach so eine schöne Runde zu laufen.

Um 6.44 Uhr stehen also zwei absolute Skiamateure, ohne genaue Vorstellungen, was sie gleich erwartet, an der Bushaltestelle am Hauptbahnhof in Richtung Zinnwald. Mit uns steigen noch zwei weitere Skifahrer ein. Das Wetter sieht ganz gut aus und die Stimmung ist es auch.

In Zinnwald bietet sich dann allerdings erst mal ein anderes Bild: der häufig anzutreffende dichte Nebel des Erzgebirgskamms hüllt uns ein. Ganz toll! Das erleichtert die im Winter nicht immer einfache Wegfindung nicht gerade. Eine durchgehende Karte für die Strecke gibt es nicht. So haben wir nur Stückwerk in Form einiger Ausdrucke dabei, die ein kleines Teilstück der Strecke auslassen, was wir als nicht tragisch ansehen. Das soll sich noch als Fehler erweisen.

So sind wir zunächst sehr froh, als sich nach einem kurzen Gespräch schnell klärt, dass unsere beiden Mitfahrer das gleiche Ziel wie wir haben. Für uns hat das den Vorteil, dass wir ihnen erst mal ein gutes Stück weit die Straße nach Cinovec zu Fuß folgen können, bis wir kurz hinter dem Kreisverkehr unsere Skier anschnallen und in Richtung Mückentürmchen (Komáří hůrka) aufbrechen.

Die Strecke führt uns in frischen Loipen über den wunderschön verschneiten Erzgebirgskamm, durch herrliche Winterwälder und traumhafte Ruhe. Die Skier laufen gut, nur Arne kämpft etwas mit seinen Leihgeräten, die nicht ganz so gut gleiten. Nach etwa anderthalb Stunden erreichen wir mit dem Mückentürmchen den ersten Etappenpunkt und frühstücken kurz.

Weiter geht’s nach Aldolfsgrün (Adolfov) meist über freies Gelände, wovon wir aber aufgrund des immer dichter werdenden Nebels fast nichts sehen. Die Sichtweite schwankt um die 20 Meter. Wir halten uns entlang der Holzpfosten und wenigen Bäume und wir sind sehr froh, dass kurz vor uns jemand gespurt hat.

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Hinter Adolfgrün biegt die Strecke nach rechts ab. Eine große Wanderkarte, die dort hängt erspart uns einen großen Umweg. Unser Kartenabschnitt für diesen Teil der Strecke ist doch mehr als ungenau und würde uns die Straße entlang führen.

So biegen wir also rechts ab und halten uns zunächst immer am Waldrand im gut gespurten Gelände. Irgendwann biegt auch dieser Weg in den Wald ab und wir genießen die erste längere Abfahrt, das heißt, ich genieße – Arne muss trotzdem schieben.

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Zunächst ist die Wegfindung recht einfach. Später sind wir wieder sehr dankbar für die Spuren, die uns durch teilweise recht kleine und wenig beschilderte Waldwege führen. Wir kreuzen die erste Straße nach Krásný Les (Schönwald), nur um nach wenigen weiteren Kilometern auf die zweite Straße zu treffen, die in den Ort führt.

Hier verpassen wir es uns weiterhin rechts am Waldrand zu halten und fahren stattdessen der schön zu befahrenden Straße in Richtung Krásný Les. Als von links die vor wenigen Kilometern überquerte Straße einmündet ist Schluss mit lustig. Die Straße ist komplett schneefrei. Ab hier müssen wir auf das Feld ausweichen, welches uns mit 40cm feinstem Pappschnee begrüßt. So wird die  gedachte Abfahrt ins Dorf verdammt anstrengend.

Unten angekommen werfen einen Blick auf die Karte und kriegen bestätigt, was wir schon vermuten: wir sind vom Weg abgekommen. Nach kurzer Überlegung beschließen wir ein Stück weit die Straße lang zu laufen um so wieder auf den richtigen Weg zu treffen. Jetzt bin ich sehr froh, dass ich meine Laufschuhe im Rucksack mit mir rumschleppe und so nicht den Skischuhen auf der Straße langtrappeln muss. Nach etwa 4km erreichen wir den Ortseingang von Petrovice und merken, dass wir immer noch zu weit nördlich sind. Zumindest glauben wir ungefähr die Richtung abschätzen zu können, in die wir müssen.

Als wir zur nächsten Straße laufen, der wir eigentlich folgen wollen, entdecken wir auf der anderen Straßenseite einen Waldweg mit Skispuren und beschließen, dass wir genug gelaufen sind. Als die Spuren allerdings nach wenigen hundert Metern vom Weg weg in den Wald abbiegen sind wir schon nicht mehr ganz sicher, ob die Entscheidung gut war. Umdrehen kommt aber auch nicht in Frage. Also folgen wir der einsamen Spur querfeldein durch Wald und Tiefschnee. Schnell merken wir, dass sich unser Vorgänger wohl auch nicht ganz sicher war, was die Wegfindung anging. Recht schnell steuern die Spuren auf den Waldrand zu, was uns hoffen lässt. Leider führen sie von dort weiter in ein militärisches Sperrgebiet, wo wir uns nicht recht rein trauen. Nach einigem Überlegen beschließen wir die im wahrsten Sinne des Wortes querfeldein-Variante zu versuchen und uns in Richtung der Windräder durchzuschlagen, die wir auf der andern Seite des Feldes sehen. Der Schnee ist tief, schwer und pappt an den Skiern. Das Spuren ist auf diese Art extrem anstrengend. Dazu setzt jetzt noch Schneetreiben mit dichtem, nassem Neuschnee ein. So weichen wir langsam aber sicher von innen und außen durch.

Nach ungefähr einem halben Kilometer und einer gefühlten Ewigkeit finden wir auch an den Windrädern nicht den erhofften Weg vor. Ein vergeblicher Abstecher in den nahe gelegenen Wald kosten zusätzlich Kraft und Zeit. Schließlich stapfen wir noch etwa einen Kilometer weiter durch den Tiefschnee in Richtung der Straße nach Tisá. Es geht bergab, doch wir merken davon nichts. Meine Motivation erreicht einen Tiefpunkt, so dass ich im Kopf schon Abbruchvarianten ins Bielatal durchspiele. Als wir an der Straße sind wir froh, die Skier vorerst abschnallen und den letzten Kilometer nach Tisá laufen zu können.

Hier sollte man etwa um die Mittagszeit ankommen. Unsere kleine Waldläufereinlage hat uns aber einiges an Zeit gekostet. So ist es schon gegen 14 Uhr, als wir das erste Restaurant entern, das wir sehen. Wir wärmen uns auf, trocknen unsere durchgeweichten Sachen und lassen uns den Gulasch mit Knödeln schmecken.

Tisá ist ungefähr die Halbzeitstation der Tour. Wenn wir also so langsam weiterlaufen, wie bisher wird es sehr spät werden. Aber ab hier haben wir wieder Kartenmaterial zur Verfügung. Außerdem habe ich ab hier recht genaue Infos von einem Kollegen über den Weiterweg. So packen wir nach einer guten Stunde kurz vor 15 Uhr unsere Rucksäcke und folgen erst mal wieder zu Fuß der Straße in Richtung Schneeberg (Sněžník). Eine Loipe an der Straße gibt es natürlich nicht und die Straße selbst hat zwar eine geschlossene Schneedecke, ist aber auch mit Splitt gestreut. Das will ich meinen Skiern dann doch nicht antun. So laufen wir also nochmal etwa 7km zu Fuß.

Vom Hohen Schneeberg selbst sehen wir zwar nichts, aber die Straße führt in gerader Linie auf ihn und somit unseren Weiterweg zu. Hier soll es auf halber Höhe einen Weg geben, der im Linksbogen um den Berg führt und uns somit entweder Straßenumweg oder Totalaufstieg erspart.

Wir sind uns zwar alles andere als sicher richtig zu gehen, als wir an einer kleinen Sitzgruppe links in den Wald abbiegen, aber immerhin gibt es recht frische Skispuren. Denen folgen wir dann auch auf Gedeih und Verderb. Viele Möglichkeiten haben wir auch nicht. Rechts geht es steil hoch, links ebenso steil runter. Dazu hat uns der Nebel wieder eingeholt und bedenkt uns jetzt statt mit Neuschnee mit Sprühregen. Meine Brille ist alle 50m beschlagen, es wird langsam dunkel und irgendwie drängen sich mir Bilder von Frodo auf dem Weg nach Mordor auf.

Irgendwann treffen wir wieder auf "richtige" Wanderwege und verabschieden uns nach links vom Hohen Schneeberg. Nach einigen steilen Abfahrten auf schmalen Hohlwegen überqueren wir die Straße und folgen dem Weg geradeaus in den Wald nach MaxiČky (Maxdorf).

Mittlerweile ist es dunkel geworden. Nach wenigen Metern halten wir noch einmal an und kramen die Strinlampen aus dem Rucksack. Das Licht macht das Weiterfahren zwar leichter, aber unser Universum schrumpft auf den Radius von etwa 10 Metern. Das ist die Sichtweite, die uns bei dem Nebel bestenfalls bleibt.

Zum Glück müssen wir bis MaxiČky keine weiteren Abzweigungen finden. Mit meiner immer noch dauerbeschlagenen und verregneten Bille ist schon das einfache Skifahren eine Herausforderung. An Wegfindung will ich gar nicht denken. Auch Arne kämpft immer noch mit seinen stumpfen Skiern und dem schlechter werdenden Schnee. Mein Zeitgefühl geht völlig verloren, als wir im Dunkeln durch den Wald fahren.

So sind wir froh irgendwann endlich die Lichter von MaxiČky zu sehen. Wir legen die letzte kleine Pause ein und biegen nach links auf die Dorfstraße ein. Die ist zum Glück gut befahrbar und führt uns zunächst leicht ansteigend direkt aus dem Ort hinaus in den Wald. Wir folgen ihr bis zu ihrem auf der Karte verzeichneten Ende und von da an, obwohl von nun an nur noch als Pfad eingezeichnet, ohne einen wirklichen Unterschied zu merken geradeaus weiter in Richtung Böhmisches Tor und Großer Zschirnstein. Der Weiterweg über Gliedenbachweg und dann rechts in Richtung Schöna ist auch im Dunkeln kaum zu verfehlen.

Wir entscheiden uns für den Weg durch Schöna, da wir nicht riskieren wollen beim Rechtsbogen über die Felder rings um den Zirkelstein keine Spuren vorzufinden. Um Punkt 19 Uhr stehen wir auf dem Parkplatz in Schöna vor dem Zirkelstein. Wirklich fit sind wir beide nicht mehr, aber froh und ein wenig stolz die Tour trotz aller Widrigkeiten doch durchgezogen zu haben.

Die Hohe Tour ist technisch nicht besonders schwer. Vor allem sind keine größeren Steigungen zu bewältigen. Aber sie ist lang und das macht sie zumindest für untrainierte Leute anstrengend. Im Zug nach Dresden sitzend bin ich mir ganz sicher, dass ich diese Tour nicht noch einmal fahren werde.

Heute, zwei Tage später, bin ich vor allem erstaunt, dass der Muskelkater schon fast weg ist. Zwischenzeitlich habe ich eine Karten angeschaut und mir jetzt auch über die Wegführung rings um Tisá einigermaßen sicher. Nächstes Jahr wird die Tour dann "richtig" gemacht. ;)

Tipps

Für alle, die auch vorhaben, die Hohe Tour zu laufen hier einige Tipps:

Sinnvolle Dinge zum Einpacken

  • Verpflegung und Energieriegel. Die Zeit zum Einkehren bleibt nicht allzu oft. Ich habe mich von 6 Snickers und zwei Bananen ernährt.
  • Stirnlampe!!! Vor allem zu Hause die Batterien überprüfen. Bei kalten Temperaturen halten die nicht immer sehr lange. Eventuell Ersatzbatterien einstecken.
  • Wer hat kann auch einen Kompass einstecken. Im erzgebirgischen Nebel kann der unter Umständen hilfreich sein.
  • Wechselklamotten. Zumindest einen warmen Pullover sollte man noch zusätzlich einstecken. Wenn man in Schöna mal länger auf den Zug warten muss, wird man sich drüber freuen.
  • Leichte Laufschuhe. Wenn man sich doch mal verfährt läuft es sich so einfach angenehmer.
  • Gamaschen. Wichtig, um trockene Füße zu behalten.

Überflüssiges

  • GPS. Die Wegfindung gehört zumindest für mich zur Tour dazu und macht einen guten Teil ihres Reizes aus. Wenn das selbst zwei völlig ortsunkundige, mit schlechten Karten ausgerüstete Typen wie wir gefunden haben kann das Jeder!

Karten

Um die ganze Strecke abzudecken muss man mehrere Karten kombinieren. Meist sind dabei drei Abschnitte nötig:

  • Abschnitt Osterzgebirge: von Altenberg etwa bis Adodfov
  • Abschnitt rund um Tisá: von Adolfov bis Schneeberg
  • Abschnitt Sächsisch-Böhmische Schweiz: vom Schneeberg bis Schöna

Hierfür gibt es zum Beispiel tschechische Karten von Shocart (Blätter drei und acht), Kompass Karten (Osterzgebirge und Sächsich-Böhmische Schweiz) oder Karten der Sachsen Kartographie GmbH (ebenfalls Osterzgebirge und Sächsich-Böhmische Schweiz oder gleich die Langlaufkarte für das Osterzgebirge) und anderen Anbietern. Ein Blick auf die teils unterschiedlichen Maßstäbe lohnt sich, damit man sich nicht unterwegs in den Entfernungen arg verschätzt.

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